Dem Alter die Zukunft sichern!

Schon seit Jahren spukt der demografische Wandel als Zukunftsszenario durch sämtliche gesellschaftspolitische Debatten. Doch diese Zukunft hat längst begonnen. Nicht nur die Senioren von morgen sondern auch die heutige Generation der Älteren muss Gehör finden und stärker in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Die Deutsche Seniorenliga tritt seit Jahren für die vielschichtigen Interessen älterer Menschen ein. Dabei geht es uns ganz besonders darum, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit ältere Menschen entsprechend ihren individuellen Bedürfnissen leben, wohnen und arbeiten können und auch bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Pflegebedürftigkeit umfassend versorgt sind.

Unsere Gesellschaft lebt vom Dialog der Generationen. Wir Älteren wollen uns einmischen und mitentscheiden. Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft müssen wissen: Ohne uns geht es nicht – und wir sind bereit, mitzumachen.

Chronische Schmerzen

teas_schmerzFrühzeitige Therapie beugt Dauerschmerzen vor

Jeder weiß, wie zermürbend Schmerzen sein können. Für Millionen Menschen sind Schmerzen ein dauerhafter Zustand, so dass ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt ist. Sie brauchen eine umfassende, individuelle schmerztherapeutische Betreuung, damit der Teufelskreis Schmerz durchbrochen werden kann.

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ – wer hat ihn nicht im Ohr, diesen Spruch aus Kindertagen. Doch er ist ebenso falsch wie fatal. Die Schmerzwahrnehmung ist zwar individuell ganz unterschiedlich ausgeprägt, doch jeder gesunde Mensch spürt bei einer entsprechenden Reizung der Nervenzellen Schmerz. Gut so. Denn Schmerz ist eine lebenserhaltende Empfindung. Wie ein Warnsignal fordert er unsere Aufmerksamkeit und zeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Als natürliche Reaktion suchen wir nach dem Schmerzauslöser, um ihn möglichst schnell auszuschalten. Anhaltende Schmerzen zu ertragen, wäre falsch verstandene Tapferkeit. Vielmehr riskiert man dadurch, dass sich ein Dauerschmerz einstellt.

Millionen Menschen leiden unter Schmerzen, die über Monate bestehen oder auch immer wiederkehren. Bei ihnen hat sich der Schmerz zu einem eigenständigen Krankheitsbild, dem chronischen Schmerz, entwickelt. Er kann nach und nach zu deutlichen Einschränkungen und Behinderungen im Alltag, bei der Freizeit und im Beruf führen, so dass die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt ist. Die Ursachen für den Dauerschmerz können chronische Erkrankungen sein, sehr häufig wurde jedoch versäumt, einem akuten Schmerz nachzugehen und ihn ausreichend zu behandeln. Dadurch konnte sich ein Schmerzgedächtnis ausbilden (siehe Kasten).

Unter den geschätzten 13 bis 17 Millionen chronischen Schmerzpatienten in Deutschland ist der Anteil älterer Menschen besonders groß. Experten gehen davon aus, dass etwa 50 Prozent der über 75-Jährigen täglich unter mäßigen bis starken Schmerzen leiden. Das könnte fast den Eindruck erwecken, als seien chronische Schmerzen eine zwangsläufige Begleiterscheinung des Alters. Dem ist jedoch nicht so! Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum so viele alte Menschen dauerhaft Schmerzen aushalten müssen. Einige davon ließen sich mit etwas mehr Umsicht und einer verbesserten Versorgung der Schmerzpatienten beseitigen.

Ohne Frage ist der Alterungsprozess mit einer Reihe von körperlichen Veränderungen verbunden, die sowohl die Schmerzentstehung als auch das Schmerzempfinden beeinflussen. Es spielen jedoch auch die Verhaltensweisen des Betroffenen, seine Lebenssituation sowie Versäumnisse bei der Diagnostik und Therapie eine Rolle.

Schmerzentstehung

Der Mechanismus des Schmerzes ist ein komplexer Vorgang. Das Schmerzsignal, ausgelöst z. B. durch Druck, Hitze, Verletzungen oder auch durch körpereigene Prozesse wie Entzündungen oder Gewebsveränderungen, wird von Nervenzellen empfangen und über die Nervenfasern zu den Nervenzellen des Rückenmarks und von dort zum Gehirn weitergeleitet. Die Nervenzellen des Rückenmarks sind dabei die wichtigsten Schaltstellen der Schmerzverarbeitung. Sie schütten schmerzhemmende Substanzen aus, die eine Weiterleitung des Schmerzes unterdrücken, so dass zunächst eine natürliche Schmerzlinderung eintritt. Stärkere und länger andauernde Schmerzsignale können nicht mehr aufgefangen werden. Sie erreichen das Gehirn und werden dort verarbeitet. Erst jetzt setzt die bewusste Schmerzwahrnehmung ein. Wie der Schmerz empfunden wird, hängt dabei nicht allein von der Stärke des Schmerzsignals, sondern auch von vorangegangenen Schmerzerfahrungen, psychischer Verfassung und der Gesamtsituation des Betroffenen ab.

Das Schmerzgedächtnis

Schmerz, der über einen längeren Zeitraum oder häufig wiederkehrend auftritt, kann dazu führen, dass das gesamte System der Schmerzweiterleitung und -verarbeitung empfindlicher reagiert. Denn durch ständige Schmerzsignale entwickelt sich eine Art Schmerzgedächtnis. In der Folge können sich die Nervenzellen auch schon bei kleineren und unbedeutenden Reizen an das Schmerzprogramm „erinnern“. Sie leiten die Reize als starke Schmerzsignale weiter, gegen die die körpereigene Schmerzlinderung nicht mehr ausreichend Wirkung zeigen kann. Der Schmerz hat sich verselbstständigt.

Häufige Ursachen chronischer Schmerzen
  • Rückenschmerzen (z. B. nach Bandscheibenerkrankungen)
  • Kopfschmerzen (u. a. Migräne, Spannungskopfschmerz)
  • Rheumatische Schmerzen (z. B. arthritisbedingte Schmerzen, Fibromyalgie)
  • Nervenschmerzen (z. B. Neuralgien, Gürtelrose, Polyneuropathien)
  • Tumorschmerzen (vor allem bei Knochenmetastasen)
  • Schmerzen durch Abbauprozesse (degenerative Schmerzen, u. a. Osteoporose, Arthrose)
  • Nicht spezifische Rückenschmerzen
Schmerzdiagnostik bei älteren Menschen

Bei älteren Menschen steigt das Risiko für bestimmte schmerzhafte Erkrankungen. Zu den häufigsten Ursachen von Schmerzen gehören bei der Generation der über 60-Jährigen degenerative Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates, wie z. B. Arthrose und Osteoporose, rheumatische Erkrankungen, Nervenerkrankungen, Veränderungen an Muskeln und Sehnen sowie Krebsleiden. Häufig lösen auch depressive Erkrankungen, Angst und Verzweiflung Schmerzen aus.

Da sich häufig auch das Schmerzempfinden verändert, kommt es vor, dass akute Schmerzen nicht mehr als Warnsignal wahrgenommen und als erste Anzeichen einer Erkrankung erkannt werden. Dadurch setzt die Therapie zu spät bzw. nicht zielgerichtet an. Ärzte sollten deshalb auch bei Routineuntersuchungen gezielt nachfragen, ob und wann Schmerzen auftreten.

Als zentrales Element der Schmerzdiagnostik dient der Schmerzfragebogen. Darin macht der Patient Angaben zur Lokalisation, zur Charakteristik und Qualität sowie zur Intensität des Schmerzes. Diese Aussagen helfen dem Therapeuten, den Schmerztypus (nozizeptiver, neuropathischer, zentraler Schmerz (siehe Kasten unten)) zu erkennen, so dass eine zielgerichtete Therapie möglich wird. Bei sehr vielen Patienten ist die Schmerzerkrankung nicht auf einen Schmerztypus zurückzuführen, vielmehr sind sowohl nozizeptive als auch neuropathische Schmerzmechanismen beteiligt. In diesen Fällen spricht man von gemischtem Schmerz oder Mixed Pain.

Erschwerend bei der Schmerzdiagnostik ist, dass viele ältere Patienten Schwierigkeiten haben, ihren Schmerz direkt zu benennen oder zu beschreiben. Sie klagen eher über Schlaflosigkeit, Appetitmangel, Schwindel oder Ähnliches. Andere wollen nicht jammern und nehmen Schmerzen als Unzulänglichkeiten des Alters hin. Hier verraten dann Schonhaltungen oder verspannte Gesichtszüge den Schmerz. Insbesondere bei Patienten, deren kognitive Fähigkeiten eingeschränkt sind (z. B. durch Demenz) und bei Patienten mit Mehrfachleiden (Multimorbidität) ist es nicht leicht, Art und Intensität des Schmerzes zu beurteilen.

Die Einteilung der Schmerztypen erfolgt nach den zugrundeliegenden Schmerzmechanismen
  • Nozizeptiver Schmerz entsteht durch Reizungen der freien Nervenendigungen (Nozizeptoren) im Gewebe, im Gelenk oder im Knochen. Ursache können Verletzungen oder Entzündungen sein, ausgelöst durch mechanische oder thermische Einwirkungen, chemische oder körpereigene Substanzen. Typische Auslöser nozizeptiver Schmerzen: akute Verletzungen, Knochenbrüche, Gelenkerkrankungen (Arthrose, Rheuma), Entzündungen.
  • Neuropathischer Schmerz hat seine Ursache in einer Schädigung oder Fehlfunktion der Nervenfasern. Er entsteht, wenn die Nervenfasern durch Verletzungen oder Operationen durchtrennt oder gequetscht wurden. Infektionskrankheiten wie die Gürtelrose können ebenfalls die Nervenfasern schädigen. Außerdem kann neuropathischer Schmerz als Spätfolge des Diabetes mellitus auftreten, wenn infolge des gestörten Stoffwechsels in den Zellen zahlreiche kleine Nervenfasern zugrunde gehen.
  • Zentraler Schmerz ist auf eine Schädigung von Nervenzellen im zentralen Nervensystem (ZNS) zurückzuführen und entsteht also entweder im Gehirn oder im Rückenmark. Ursache hierfür kön-nen z. B. Rückenmarksverletzungen, Schlaganfall oder multiple Sklerose sein.
Schmerztherapie bei älteren Menschen

Die Schmerztherapie bei älteren Menschen setzt sich aus den gleichen Elementen zusammen wie die Therapie jüngerer Patienten. An erster Stelle steht die medikamentöse Therapie mit Nicht-Opioiden und Opioiden, die je nach Krankheitsbild mit z. B. krampflösenden Medikamenten und Psychopharmaka kombiniert werden. Ergänzend werden lokale Schmerzblockaden, Physiotherapien, Akupunktur, psychotherapeutische Behandlungen, Entspannungstraining sowie kurative bzw. palliative Behandlungen empfohlen.

Die medikamentöse Schmerztherapie wurde in der Vergangenheit vor allem der Schmerzstärke und -intensität angepasst. Die moderne Schmerztherapie berücksichtigt hingegen auch den Schmerztypus. Bei Patienten mit Mixed Pain ist es wichtig, dass beide Schmerzkomponenten, also sowohl die nozizeptiven als auch die neuropathischen Schmerzen, entsprechend behandelt werden. Verschiedene Untersuchungen bestätigen, dass diese mechanismenorientierte Schmerztherapie deutlich effektiver Schmerzen lindern und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann.

Generell gilt: Die medikamentöse Therapie muss in allen Altersgruppen immer ganz individuell dem Patienten angepasst werden. Bei älteren Menschen sollte der Arzt darüber hinaus dem Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil der Medikamente besondere Beachtung schenken, da eine altersbedingte veränderte Stoffwechsellage auch zu Veränderungen der Wirkstoffaufnahme und -freisetzung führen kann. Das bedeutet u. a.: Das Risiko für Nebenwirkungen steigt. Außerdem muss der Arzt bei Patienten, die an mehreren Erkrankungen leiden – auch das betrifft viele ältere Menschen –, bei der Wahl der Schmerzmedikamente sämtliche Krankheitsbilder sowie alle verordneten Medikamente berücksichtigen, um Nutzen und Risiken sowie mögliche Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen abschätzen zu können.

Das Problem der Compliance

schmerz1Eine medikamentöse Therapie kann natürlich nur dann Wirkung zeigen, wenn der Patient sich an die ärztliche Verordnung hält. Mangelnde Therapietreue und eine nachlässige Einnahme der verordneten Medikamente ist gerade in der Schmerztherapie ein ernstzunehmendes Problem. Viele Patienten haben Angst vor den Nebenwirkungen der Schmerzmedikamente und fürchten u. a. die Abhängigkeit von Opioiden. Sie halten sich deshalb nicht an die vorgegebene Medikation, reduzieren die Einnahme oder setzen die Medikamente ohne Kenntnis des Arztes eigenmächtig ab. Verwirrte, demente oder multimorbide Patienten, die u. U. viele verschiedene Medikamente einnehmen müssen, weichen möglicherweise unwillentlich vom Therapieschema ab. Um das zu verhindern, muss sich der Arzt Zeit für eine umfassende Aufklärung des Patienten nehmen, die Therapie sowie die möglichen Folgen einer fehlerhaften Medikamenteneinnahme erklären und auf Fragen und Ängste des Patienten eingehen.

Schmerzversorgung in der Praxis

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Ärzte und Schmerztherapeuten weisen immer wieder mit Nachdruck darauf hin, dass die Voraussetzungen für eine moderne, auf den Patienten abgestimmte Schmerztherapie, die sich an den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, in unserem Gesundheitssystem sehr unzureichend erfüllt sind. Zum einen mangelt es an qualifizierten Schmerztherapeuten und Weiterbildungsmöglichkeiten für Allgemeinmediziner und Fachärzte, die in ihrer Praxis regelmäßig mit Schmerzpatienten zu tun haben, zum anderen fehlt ein strukturiertes Versorgungskonzept, das alle Elemente der Behandlung umfasst und alle behandelnden Therapeuten vernetzt. Hinzu kommen gesundheitspolitische und wirtschaftliche Reglementierungen.

All das führt dazu, dass vielen Schmerzpatienten nicht die optimale Schmerzversorgung zuteil wird. Die körperlichen Schmerzen und psychischen Belastungen beeinträchtigen massiv ihren Alltag. Bei vielen, gerade auch älteren Patienten ist ein Rückzug aus der Gesellschaft zu beobachten. Nicht selten folgen Depressionen und soziale Isolation.

Verbesserung der Schmerzversorgung

Um die mangelhafte Versorgungssituation chronischer Schmerzpatienten – insbesondere älterer Patienten – zu verbessern, müssen Grundlagen für eine ausreichende medizinische Versorgung und die dazu notwendigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Auf nationaler sowie europäischer Ebene wurden dazu von Gesundheitsexperten Aktionspläne entwickelt. So z. B. die „Road Map for Action“, die auf dem Symposium „Societal Impact of Pain“ im Mai 2011 in Brüssel verabschiedet wurde und von den europäischen Regierungen und Institutionen Folgendes fordert:

  1. die Anerkennung von Schmerz als wichtigem, die Lebensqualität beeinflussendem Faktor
  2. den Zugang zu Information, Schmerzdiagnose und Schmerzmanagement
  3. gesteigerte Aufmerksamkeit für die medizinischen, finanziellen und sozialen Auswirkungen von Schmerz und dessen Behandlung
  4. verbessertes Verständnis für die Relevanz von Prävention, Diagnose und Management von Schmerzen
  5. Intensivierung der Schmerzforschung
  6. Aufbau einer EU-Plattform zum internationalen Erfahrungsaustausch und Vergleich von „Best Practice“
  7. Trend-Beobachtung in der Schmerzbehandlung über die EU-Plattform

"CHANGE PAIN" - Eine neue Ära der Schmerztherapie

screen changepainDie Initiative "CHANGE PAIN®" möchte dazu beitragen, die Therapie von chronischen Schmerzen kontinuierlich zu verbessern. Im Dialog mit Patienten und deren Angehörigen, aber auch mit Ärzten, Arzthelfern und Pflegefachpersonal möchte CHANGE PAIN® den Blick für die individuellen Bedürfnisse von Schmerzpatienten schärfen und wichtige Hilfestellungen leisten, welche die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Therapie verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen.

Die Internet-Website www.change-pain.de enthält für Schmerzpatienten viele hilfreiche Materialien mit Informationen, Tipps und Hilfestellungen rund um das Thema Schmerzlinderung.

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