Anschuldigungen und Wut nicht persönlich nehmen

Wenn Alzheimerpatienten aggressiv sind

Bonn, 21.01.10 Menschen mit Alzheimer verhalten sich trotz liebevoller Pflege oftmals misstrauisch und aggressiv. Für die betreuenden Angehörigen ist ein solches Verhalten besonders belastend, wenn sie dies als persönlichen Angriff werten. Dabei sind die Anschuldigungen und Wutanfälle des Kranken vielmehr Ausdruck von Frust und Hilflosigkeit.

Bei der Alzheimererkrankung gehen nicht nur die kognitiven Fähigkeiten verloren, also Gedächtnis, Ausdrucksvermögen, Orientierung und Urteilsfähigkeit. Auch das Verhalten ändert sich. So kann aus einem selbstbewussten, ausgeglichenen Menschen ein launischer, ängstlicher oder misstrauischer Kranker werden. Als besonders belastend empfinden viele pflegende Angehörige, wenn der Kranke sie immer wieder mit falschen Anschuldigungen konfrontiert – etwa weil er seine Brille oder seine Geldbörse nicht findet. „Dieses Verhalten ist reiner Selbstschutz und richtet sich in Wirklichkeit nicht gegen den Familienangehörigen“, so Erhard Hackler, Vorstand der Deutschen Seniorenliga. „Alzheimerkranke müssen damit leben, dass sie nach und nach ihre Kompetenzen verlieren. Das ist frustrierend und beängstigend. Oftmals wissen sich die Betroffenen nicht anders zu helfen, als ihre eigene Unzulänglichkeit auf andere zu schieben.“ Die Frustration kann so tief sitzen, dass sie in Aggressionen oder gar Gewalt mündet.

Mit Aggressionen umgehen

Auch wenn die Anschuldigungen verletzend und absurd sind, sollten die betroffenen Angehörigen nicht mit dem Kranken diskutieren. Besser ist es, die Vorwürfe zu ignorieren und stattdessen eine pragmatische Lösung zu finden. Mitunter genügt es, den Patienten abzulenken oder sich selbst aus der Situation herauszuziehen, bis der Kranke sich beruhigt hat. Gewaltausbrüche müssen die Angehörigen allerdings nicht tatenlos hinnehmen – hier gilt es, bestimmt aufzutreten und Grenzen zu setzen. „Um solch schwierigen Situationen auf Dauer gewachsen zu sein, sollten die betreuenden Bezugspersonen sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kann eine Betreuungsgruppe sein, die der Demenzkranke einmal wöchentlich besucht, oder eine Pflegekraft, die den Kranken stundenweise versorgt“, rät Hackler. „Außerdem sollten die Angehörigen den Arzt einbeziehen, wenn sich Wutanfälle und körperliche Auseinandersetzungen häufen. Bestimmte Medikamente, die bei der Alzheimererkrankung eingesetzt werden, verbessern nicht nur die kognitiven Fähigkeiten, sondern lindern auch Stimmungsschwankungen und unkontrollierte Gefühlsausbrüche.“

Aggressionen vorbeugen

Um Aggressionen bei Alzheimerkranken möglichst zu vermeiden, gilt es alles zu unterlassen, was Frustration und Unsicherheit schüren könnte. So ist es von großer Bedeutung, dem Patienten mit Würde zu begegnen. Auch wenn sein Verhalten in einigen Bereichen an das eines Kindes erinnert, sollten die Bezugspersonen ihn keinesfalls so behandeln. Im Gegensatz zu Kindern, die ihre geistigen und sozialen Kompetenzen durch Lernen erweitern, verlieren Alzheimerkranke diese Fähigkeit. Belehrungen und Erziehungsversuche sind daher sinnlos und führen den Betroffenen allenfalls ihre Defizite vor Augen. Wichtig ist es hingegen, den Alzheimerkranken in seinen verbliebenen Fähigkeiten zu bestärken und in das Familienleben aktiv einzubeziehen. Viele Patienten können einfache Hausarbeiten wie Abtrocknen oder Staubwischen noch lange ausführen und haben Freude daran, wenn sie gebraucht werden. Ebenso sinnvoll sind gemeinsame Aktivitäten wie Singen, Basteln oder Spaziergänge. Ein fester Tagesrhythmus und eine ruhige, liebevolle Atmosphäre im Haus vermitteln den Kranken ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Auf Reizüberflutung durch laute Musik oder Fernsehen sowie die Konfrontation mit vielen Menschen sollten Angehörige hingegen verzichten.

Weitere Informationen zum Thema Alzheimer gibt es bei der Deutschen Seniorenliga. Dort ist auch die kostenfreie Broschüre „Alzheimer erkennen“ erhältlich. Postadresse: Deutsche Seniorenliga e.V., Heilsbachstraße 32, 53123 Bonn; www.dsl-alzheimer.de.